14.04.2020
Ein Interview mit Rupert Schäfer und Marian Sander

 

Die Corona-Krise bringt den ausbaufähigen Status Quo des deutschen Bildungswesens im Kontext Digitalisierung auf die Agenda. Bundesweit sind die Schulen seit Wochen geschlossen, die Ausbildung muss seither virtuell stattfinden. Zugegeben: Zeit, um sich auf digitale Unterrichtsmethoden einzustellen, gab es kaum. Damit haben nun vor allem die Lehrer, Eltern und Schüler zu kämpfen. Und während physischer Unterricht auf absehbare Zeit Wunschdenken bleibt, mangelt es Bildungseinrichtungen hierzulande sowohl an der nötigen technischen Infrastruktur wie auch am entsprechenden Know-How der Lehrkräfte, um Inhalte in den digitalen Raum zu übersetzen.

Der Handlungsbedarf ist groß. Aber was kann helfen? Als digitale Strategieberatung fiel uns hier vor allem eines ein: kostenlose Remote Tools, mit denen wir selbst täglich arbeiten und die sich auch für den Homeschooling Bereich eignen, vorstellen und erklären. Kein Allheilmittel, aber vielleicht ein guter Druckverband. Gesagt, getan. In Kooperation mit Digitale Stadt München e.V. haben wir in den vergangenen Wochen eine Reihe an Soforthilfemaßnahmen zusammengestellt – inklusive geeigneter digitaler Werkzeuge, Methoden und Inhalte für die Gestaltung des virtuellen Unterrichts sowie eine Webinarreihe zur Vertiefung der Maßnahmenpakete. Hintergründe zur Idee und warum die Quick-Fixes nicht nur für Lehrer interessant werden, erklären Rupert Schäfer, Nunataks Co-Founder und Managing Partner, und Project Lead Marian Sander im Interview.

Wie entstand die Idee, dem deutschen Schulwesen als digitale Unternehmensberatung Hilfestellung zu geben?

Rupert Schäfer: Dass es enormen Bedarf gibt, mussten wir zuerst im privaten Umfeld feststellen. Viele von uns sind selbst Eltern und stehen, ebenso wie unsere Kinder und befreundete Lehrer, derzeit täglich vor neuen Herausforderungen: Auf der einen Seite versuchen sich Lehrkräfte am erstmaligen Einrichten von Videokonferenzen via Zoom oder Google Hangouts und der Recherche geeigneter Tools für den digitalen Unterricht, wie beispielsweise Trello, dem Versand von Unterrichtsmaterialien oder schlicht der Kommunikation mit den Schülern. Auf der anderen Seite des virtuellen Klassenzimmers gibt es ebenfalls Probleme. Bei vielen Schülern hapert es zuhause schon am nötigen technischen Equipment.

Kurzum: Wir sehen dieser Tage leider allzu deutlich, wie es um die Digitalisierung in Deutschland steht – speziell im schulischen Bereich. Hier liegen wir im europaweiten Vergleich auf Platz 27, hinter allen anderen Mitgliedstaaten. Dass unsere Lehrer, Schüler und Eltern bei der Bewältigung dieser neuen Anforderungen Unterstützung brauchen, ist demnach ebenso nachvollziehbar wie dringend. Und weil sich Nunatak als Digitalberatung tagtäglich mit Themen beschäftigt, die jetzt besonders gefragt sind, können und wollen wir diese Unterstützung leisten. Seit Jahren arbeiten wir beispielsweise auf Cloud-Infrastrukturen mit Chatrooms und klassischen Video-Conferencing-Tools, um virtuelle Arbeitsumgebungen für unsere Kunden zu erstellen. Da schien es nur logisch, das Gleiche für Schüler und Lehrer anzubieten und als Krisenhilfe kostenlos zur Verfügung zu stellen.  

Euren Bildungsbooster habt ihr gemeinsam mit dem Verein Digitale Stadt München e.V. erstellt. Welche Rolle hatte der Verein und worum kümmert er sich normalerweise? 

Marian Sander: Der Verein Digitale Stadt München e.V., in dem sich auch unser Co-Founder und Managing Partner Robert Jacobi als Mitglied des erweiterten Vorstands engagiert, ist ein branchenübergreifendes Netzwerk im Umkreis der Digitalmetropole München. Die Mitglieder kommen aus allen möglichen Sektoren – angefangen bei großen Industrieunternehmen, über Vertreter des Bildungswesens bis hin zur Luftfahrt. Gemeinsames Ziel ist es, den Standort München zu stärken, Innovationen im Kontext der Digitalisierung voranzutreiben und Arbeitsplätze zu schaffen.

Im Fall unseres Bildungsboosters war die Digitale Stadt tatsächlich auch als Ideengeber involviert. Unser Anliegen, ihn als übergreifende Digitalisierungsmaßnahme für alle Interessierten, auch außerhalb Münchens, kostenlos anzubieten, wurde im Mitgliederkreis positiv aufgenommen. Und dank der Bündelung unserer Ressourcen und Netzwerke konnten wir die Initiative gemeinsam schnell in die Tat umsetzen.   

Im „Bildungsbooster” definiert ihr drei Maßnahmenpakete für eine schnellstmögliche und einfache Umsetzung. Das erste behandelt Werkzeuge und Infrastruktur, das zweite Methoden und Formate und das dritte Inhalte und Bildungspartner. Was stimmt euch zuversichtlich, dass ein strukturierter, effizienter Online-Unterricht hiermit schnell möglich ist?

Rupert Schäfer: Zur Erklärung der Maßnahmenpakete ist vorweg eines wichtig: Uns geht es nicht darum, das deutsche Bildungssystem umzukrempeln und Lehrern zu sagen, wie sie ihren Unterricht halten sollen. Das wäre anmaßend und liegt weit außerhalb unserer Kompetenz. Uns geht es darum, jahrelang erlerntes Wissen über digitale Formen der Kollaboration in der Wirtschaft zu teilen, Methoden vorzustellen und mit Hilfe von Quick-Fixes Handlungsfähigkeit herzustellen. Denn daran scheint es gerade am meisten zu hapern. Sprich: Welche Tools gibt es und wie kann ich sie in meinen Unterricht einbinden? Indem wir diese Fragen beantworten, wollen wir dazu beitragen, dass Lehrer zumindest die Grundlagen ihres Unterrichts auch virtuell aufrecht erhalten können.

Marian Sander: Dazu haben wir in unseren Maßnahmenpaketen zunächst einmal Werkzeuge aufgeführt, die einfach zu implementieren, zu bedienen und vor allem kostenlos oder kostengünstig verfügbar sind. So können nicht nur Lehrer, sondern auch Schüler und Eltern direkt davon profitieren. Und da sich diese Tools in unserem Alltag in der Zusammenarbeit mit Unternehmen aus der Wirtschaft bewährt haben, können wir auch mit Sicherheit sagen, dass sie pragmatisch anwendbar sind.

Zusätzlich zu den vorgeschlagenen Maßnahmen Paketen bietet Nunatak im Bildungsbooster eine Webinar-Reihe über drei Wochen an. An welche Zielgruppen richtet sich das Format?

Marian Sander: Prinzipiell kann sich jeder anmelden – die Webinare sind kostenfrei. Inhaltlich geht es vor allem darum, den Umgang mit den Bildungsbooster-Tools zu vertiefen. Unser Fokus liegt dabei auf den Lehrkräften. Aber natürlich dürfen sich auch Schüler dazu Wissen aneignen und das Erlernte selbst in ihre Schulen tragen. Das gleiche gilt für Eltern, die aktuell stärker ins Homeschooling ihrer Kinder eingebunden werden und sie bei der Verwendung solcher Tools unterstützen möchten. Schlussendlich zielen wir auch darauf ab, ein gemeinsames Bild zu entwickeln: Was können wir als Lehrer, als Schüler und als Eltern tun, damit der Unterricht auch virtuell bestmöglich funktioniert?

Welche Inhalte sollen in den Webinaren besonders vertieft werden? Und wo erwartet ihr den größten Handlungsbedarf?

Marian Sander: Zunächst einmal greifen wir die drängendsten Probleme vieler Lehrer auf: Wie lässt sich die derzeitige Eins-zu-Eins Kommunikation durch eine Variante ersetzen, mit der Lehrer einfacher und effizienter alle Schüler erreichen? Wie lassen sich individuelle Hausaufgaben Besprechungen bündeln? Wie lässt sich eine virtuelle Schulstunde abbilden? Und wie kann ich meinen Schülern geeignete Unterrichts- sowie Lernmaterialien zur Verfügung stellen?

Im zweiten, weiterführenden Schritt soll es dann darum gehen, wie sich im digitalen Raum auch Teile gängiger Unterrichtsmethoden abbilden lassen. Wie kann ich beispielsweise so etwas wie eine virtuelle Tafel innerhalb eines digitalen Umfelds wie Google Hangouts einbinden?

Wie sehen denn die nächsten Schritte aus? Wie macht ihr euren Bildungsbooster so publik, dass er auch flächendeckend genutzt werden kann?

Rupert Schäfer: Was die Verbreitung angeht, haben wir zum Glück einen starken Partner an unserer Seite. Der Verein Digitale Stadt München e.V. wird, dank seines großen Netzwerks, bei der Verbreitung innerhalb unserer Heimatstadt und Metropolregion München federführend eingebunden. Natürlich machen auch wir mit Hilfe unserer digitalen Kanäle auf die Veröffentlichung aufmerksam. Und da wir unser Webinar kostenlos für eine unbegrenzte Zahl an Teilnehmern anbieten, sind wir zuversichtlich, dass wir auch viele damit erreichen werden.

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